WETZLAR Die Vereinigung KulturTicket Lahn-Dill gibt Eintrittskarten für Kultur- und Sportveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen kostenlos weiter. Eine gesellschaftspolitische Aufgabe, macht Vorstandsmitglied Christine Krauskopf im Gespräch deutlich.

von Gert Heiland, Wetzlarer Neue Zeitung

Frau Krauskopf, warum braucht es KulturTicket?

Christine Krauskopf: Dazu muss ich etwas ausholen: Als ich noch bei einer Zeitung in Marburg gearbeitet habe, habe ich einmal einen Artikel geschrieben über Armut in Marburg. Die Leiterin der Obdachlosentagesstätte hat damals gesagt: Wer arm ist, kocht im eigenen Saft, wer arm ist, bleibt unter sich. Diese Sätze haben sich mir eingebrannt. Als ich dann in die Kulturredaktion wechselte, habe ich immer wieder gesehen, wie viele Plätze in Konzerten und Theatervorstellungen leer bleiben. Da habe ich gedacht, man kann das zusammenbringen.

Es geht dabei vor allem darum, die Menschen wieder in die Gesellschaft zurückzubringen, die Kultur ist das Vehikel dazu. Wo Menschen zusammenkommen und miteinander reden, da ist Kultur und da findet auch Gesellschaft statt, Kultur ist Gesellschaft. Und es ist das Schöne, dass es live ist – wir vermitteln nur Livekultur –, das regt an. Im Publikum sind alle gleich, man lacht über die gleichen Stellen und ist über dieselben Stellen betrübt.

Wer nutzt Ihr Angebot?

Krauskopf: Das geht querbeet. Wir haben einen Altersdurchschnitt von etwa 50, was relativ hoch ist. Auf den Fahrten – wir dürfen uns von der AWO Herborn das Buschen leihen und fahren zum Beispiel ins Stadttheater Gießen – komme ich immer mit den Menschen ins Gespräch und erfahre so viele Lebensgeschichten, und die sind zum Teil sehr hart.

Es sind sehr viele Frührentner dabei und viele Rentner, die sich früher die Kultur noch leisten konnten, jetzt nicht mehr. Ein guter Teil sind Russlanddeutsche, die sich vor allen Dingen für klassische Angebote und für Ballett interessieren. Dann sind auch Alleinerziehende mit Kindern dabei, aber eher wenige.

Wie viele Menschen nutzen die Angebote?

Krauskopf: Wir haben jetzt ziemlich genau 420 angemeldete Gäste, da fallen aber wieder welche raus, die ihre Berechtigung nicht mehr nachweisen können.

Die da wäre ...?

Krauskopf: Nach einem Jahr muss man nachweisen, dass man noch zu den Bedürftigen gehört ... wobei ich dieses Wort ganz furchtbar finde. Ich spreche lieber von Menschen mit einem geringen Einkommen.

Wer unterstützt KulturTicket denn mit Freikarten?

Krauskopf: Es ist der Wahnsinn, wer uns alles unterstützt! Da ist die Kulturgemeinschaft in Wetzlar, ein paar wenige Karten bekommen wir von der Rittal-Arena, viele Karten bekommen wir vom „Franzis“. Dann haben wir insgesamt etwa 120 verschiedene Veranstalter, meistens Tourneeveranstalter, angeschrieben und mindestens 95 Prozent geben uns Karten, mal wenige, mal um die 100 oder mehr. Der Zirkus „Flic Flac“ zum Beispiel, da konnten wir einmal das ganze Albert-Schweitzer-Kinderdorf in den Zirkus schicken. Das war der Wahnsinn. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Das war auch für Sie ein Höhepunkt in der Arbeit?

Krauskopf: Auf jeden Fall! Es sind für mich aber auch Höhepunkte, wenn ich Menschen, die früher nichts mit Livekultur wie Theater oder Konzert zu tun hatten, erreichen und zu regelmäßigen Kulturgästen machen kann. Mein Paradebeispiel ist ein junges Paar, das erst nicht wusste, was hinter den Mauern des Stadttheaters passiert und was Theater überhaupt bedeutet. Die Beiden habe ich dann zum modernen Tanztheater nach Gießen mitgenommen. Erst habe ich gedacht, es ein Fehler, denn das war schon ziemlicher Hardcore. Aber sie sind reingegangen und waren am Ende so begeistert, dass sie noch mal reingegangen sind. Jedes Mal, wenn ich jetzt etwas wirklich Anspruchsvolles habe, rufe ich die Beiden an, ob sie mitgehen wollen.

Sie vermitteln Karten für Livekultur, machen die Museen nicht mit?

Krauskopf: Museen haben wir am Rande auch, das hat aber vor allem damit zu tun, dass wir zu wenige Mitarbeiter haben, um alle ansprechen zu können. Wir sind nur zu fünft, was sehr knapp ist. Wir schaffen es nicht, eine Aufgabe an einen oder zwei zu übertragen.

Ihr Wunsch wäre also, ehrenamtliche Helfer finden?

Krauskopf: Ganz genau!

Wo kann man sich gegebenenfalls melden?

Krauskopf: Einmal per Mail an info(at)kulturticket-lahn-dill.de oder bei mir unter (01 51) 15 17 06 15. Oder in den Sprechstunden im Neuen Rathaus, in Zimmer 201, montags von 10 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr und mittwochs von 14 bis 16 Uhr.

Ihr Wunsch für die nächsten fünf Jahre?

Krauskopf: Ich würde gerne mehr Projekte anschieben, mehr Kultur für Kinder und Jugendliche bieten, das sieht eher traurig aus  und natürlich mehr hoffe ich auf mehr Mitarbeiter.